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Obsidian im Studium: Interview mit Thomas Mathoi

Mitschriften in einer App, das Skript als PDF in einem Ordner, Literatur irgendwo dazwischen: Im Studium sammelt sich schnell viel an, und wenn du es für die Prüfung brauchst, suchst du erst mal. Obsidian im Studium zu nutzen, kann dir helfen, das alles an einem Ort zu bündeln und miteinander zu verknüpfen. Obsidian ist eine Notiz-App, in der du deine Notizen untereinander verlinkst.

Dahinter steht die Idee des persönlichen Wissensmanagements: Du sammelst das, was du lernst, an einem Ort, um es später wirklich nutzen zu können. Wie du mit Obsidian im Studium startest, ohne dich tagelang einzuarbeiten, habe ich in Folge 05 meines Podcasts „Zwischen Job und Prüfung“ mit Thomas Mathoi besprochen, der an der FH Joanneum in Graz Projektmanagement unterrichtet und ein Buch über Obsidian geschrieben hat. Hier findest du unser Gespräch in gekürzter Form.

Das Wichtigste in Kürze
👉 Obsidian ist eine Notiz-App, in der du Notizen in beide Richtungen verlinkst. So weiß jede Notiz, welche anderen Notizen auf sie verweisen.
👉 Kleine, verknüpfte Notizen helfen beim Lernen, weil du beim Verknüpfen über Zusammenhänge nachdenkst und dein Wissen fächerübergreifend nutzen kannst.
👉 Für den Start im Studium brauchst du weder eine Ordnerstruktur noch Plugins. Leg eine Mitschrift an, lade dein Skript dazu und setz die ersten Links.
👉 Mit einer Strukturnotiz pro Lehrveranstaltung und täglichen Notizen planst du dein Studium direkt in Obsidian.
👉 Thomas und ich würden das Verknüpfen nicht der KI überlassen. Beim Sortieren von Literatur kann sie dich unterstützen.

Was kann Obsidian, was andere Notiz-Apps nicht können?

Martina: Wenn man über Mitschriften oder Prüfungsvorbereitung nachdenkt: Was ist da der große Vorteil im Vergleich dazu, dass ich meine Mitschriften in irgendeiner anderen Notizen-App mache?

Thomas: Für die Mitschrift selber gibt es, vor allem wenn man handschriftlich mitschreibt, vielleicht sogar bessere Apps als Obsidian, das muss man ganz ehrlich sagen. Der große Vorteil von Obsidian ist, dass man all diese Inhalte, die man dort generiert und einpflegt, untereinander verlinken kann. Mittlerweile haben auch die Standard-Notizen-Apps wie Apple Notes beim Verlinken nachgezogen. Aber immer nur in eine Richtung, und Obsidian verlinkt in zwei Richtungen. Sobald ich dort einen Link von einer Notiz A zu einer Notiz B anlege, weiß auch die Notiz B: Es gibt einen Link zu mir. Das sind diese Backlinks, die werden automatisch mit angelegt.

Martina: Die finde ich auch super praktisch. Die werden immer unten angezeigt, aber ich habe mittlerweile oben auch so einen Header, in dem ich mir immer automatisch anzeigen lasse, was auf die Notiz verlinkt.

Thomas: Und dann kann man es sogar grafisch machen, mit der Graphansicht, das ist auch ziemlich cool.

Martina: Nutzt du die Graphansicht selber, und wenn ja, wie intensiv?

Thomas: Den großen Graphen nutze ich tatsächlich selten bis nie. Was ich aber intensiv nutze, sind die sogenannten lokalen Graphen. Ich kann mir für jede Notiz einen lokalen Graphen anzeigen lassen und sehe sofort die Verbindungen, die von dieser Notiz zu anderen Notizen gehen oder hereinkommen, also die Backlinks in grafischer Form.

Martina: Das ist bei mir auch so. Am Anfang habe ich mit dem großen Graphen noch ab und zu gearbeitet, aber ich glaube, der ist mittlerweile zu groß.

Wie fange ich mit Obsidian im Studium an?

Martina: Du arbeitest ja selbst mit Studierenden. Wie sieht für dich ein Minimalstart aus, wenn man sich nicht tagelang in ein Tool einarbeiten will?

Thomas: Das Einfachste ist, einfach loszulegen. Ich würde mir gar nicht über Ordnerstrukturen den Kopf zerbrechen, sondern einfach einmal die ersten Notizen in Markdown anlegen. Wenn man mit Markdown noch nicht vertraut ist, würde ich mich damit vertraut machen, das ist relativ einfach. Und dann würde ich beginnen, vielleicht bei einer Vorlesung eine Mitschrift anzulegen, auch das Skriptum zur Vorlesung in Obsidian reinzuladen und die ersten Links zu machen.

Martina: Gibt es etwas, wo du sagst, das sollte man am Anfang bewusst weglassen?

Thomas: Plugins. Am besten am Anfang keine Plugins installieren, sondern einfach einmal mit Obsidian loslegen, out of the box, so wie es daherkommt, und schauen: Wie komme ich damit klar? Erst dann schrittweise, wenn man an Grenzen stößt oder Möglichkeiten sucht, etwas bequemer zu lösen, auf externe Erweiterungen und Plugins zugreifen. Ich habe die Erfahrung andersrum gemacht. Ich habe zunächst alle möglichen Plugins ausprobiert und viele Stunden damit verbracht, mit dem Ergebnis, dass davon nur ein minimaler Bruchteil übrig geblieben ist, den ich im Alltag gut verwenden kann.

Martina: Das kenne ich. Es gibt so viele, und das birgt ein bisschen die Gefahr, dass man sich in der Spielerei verliert. Als ich mit Obsidian angefangen habe, hatte ich auch so schöne Workflows mit Readwise, wo man markieren kann, und das wurde dann alles automatisch rübergespielt. Habe ich alles abgeschaltet.

Wie lerne ich in Obsidian mit meinem Skript?

Martina: Viele Studierende haben ja auch einfach nur ein Skript und müssen mit diesem Skript arbeiten und lernen. Wie würdest du da vorgehen?

Thomas: Wenn ich das Skriptum nicht in gedruckter Papierform habe, sondern als PDF-Datei, dann würde ich auch das Skriptum in Obsidian reingeben. Obsidian kann sehr gut mit PDF-Dateien umgehen, und ich habe den Vorteil, dass ich im Skriptum sogenannte Deeplinks anlegen kann. Das heißt, ich kann eine Textstelle im PDF-Skriptum markieren, mit der rechten Maustaste einen Link zu dieser Textstelle erzeugen und diesen Link in eine Notiz einfügen, in der ich mir zum Beispiel während des Lernens Notizen mache. Wann immer ich das wieder brauche, klicke ich auf den Link und springe genau zu der Textstelle oder Abbildung im Skriptum.

Warum lohnt es sich, Notizen zu verknüpfen?

Martina: Was ist aus deiner Sicht der Vorteil, wenn ich meine Notizen nicht nur einfach runterschreibe, sondern miteinander verknüpfe?

Thomas: Ich kann natürlich ganz lange Notizen schreiben, dann muss ich weniger miteinander verknüpfen, weil alles in einer Datei steht. Aber irgendwann stellt man sich die Frage: Wie finde ich dann noch etwas in der Datei? Gerade für den Lernbetrieb würde ich deshalb eher auf kleinere Notizen gehen. Kleiner heißt weniger Text in einer Notiz, wirklich fokussiert auf einen bestimmten Begriff oder ein bestimmtes Thema, und die dann untereinander thematisch verlinken. Wenn ich mir zum Beispiel im Projektmanagement eine Notiz für eine Methode der Termin- und Ablaufplanung anlege, kann ich sie zu einem anderen Thema verlinken, wo es zum Beispiel um den Projektstrukturplan geht, der die Basis für die Termin- und Ablaufplanung ist. Der Vorteil ist: Wenn ich mir das im Fach Projektmanagement als Methodenwissen aneigne und dann eine andere Lehrveranstaltung habe, in der ich in einer Projektarbeit arbeiten muss, brauche ich dort auch wieder die Termin- und Ablaufplanung, weil ich für dieses Projekt einen Terminplan erstellen muss. Dann kann ich mir dort diese fachübergreifenden Links machen. Das ist der Mehrwert: Als Studentin oder Student kann ich das Ganze fachübergreifend nutzen.

Martina: Und was ich noch wichtig finde: Man kann es nicht nur nutzen, sondern in dem Moment, in dem man das macht, denkt man auch anders über die Themen nach. Wenn man das ein paar Mal macht und eine Zeit lang übt, fängt man automatisch an, Verknüpfungen zu suchen: Was passt wozu? Und dadurch setzt es sich auch besser im Hirn fest.

Sollte ich meine Notizen von der KI verknüpfen lassen?

Martina: Wie stehst du dazu, dir beim Verknüpfen von KI helfen zu lassen?

Thomas: Dem stehe ich sehr skeptisch gegenüber, muss ich sagen. Gerade weil wir vorher darüber gesprochen haben, dass es einen Lerneffekt haben kann, wenn man sich über diese Verknüpfungen Gedanken macht, würde ich das nicht automatisiert an die KI übergeben wollen. Ich würde vielleicht sogar die Gefahr sehen, dass die KIs beim Verlinken zu übertreiben anfangen, und dann hat man zu viele verlinkte Inhalte. Ich muss ja nicht alles mit jedem verlinken, das ist gar nicht notwendig.

Martina: Das finde ich spannend, weil ich das Thema auch in meiner Masterarbeit bearbeitet habe, nämlich wie sich KI auf das persönliche Wissensmanagement auswirkt. Ich hatte dazu qualitative Interviews geführt, und da waren ganz unterschiedliche Antworten dabei. Schon damals waren Leute dabei, die gesagt haben, dass sie sich Verknüpfungen wirklich vorschlagen lassen. Ich habe es immer noch nicht umgesetzt. Ich bin da wie du noch ein bisschen skeptisch, und diese Hoheit über das Verknüpfen will ich bei mir behalten.

Thomas: Einen extremen Mehrwert hat die KI natürlich, wenn es zum Beispiel um Recherchearbeit geht. Wenn man Literatur sammelt und schon eine Struktur für die Seminararbeit oder für die Bachelor- oder Masterarbeit hat, kann man die KI bitten: Geh in diesen Ordner, da liegt meine ganze Literatur für meine Masterarbeit. Sortieren wir die Literatur in einzelne Ordner, abhängig von dem Inhaltsverzeichnis, das ich dafür erstellt habe, und begründe mir bitte, warum du die Literatur in den Ordner für Kapitel Y geschoben hast. Daraus kann man schon Mehrwert ziehen, weil die KI dann in einem Logfile mitschreibt, warum sie welches PDF und welches Buch wohin schiebt. Aber die Links erstellen lassen oder sonstige Sachen, das ist für mich kein Thema für KI.

Wie organisiere ich mein Studium in Obsidian?

Martina: Wenn man das Studium als Projekt betrachtet: Wie würdest du das in Obsidian organisieren?

Eine Strukturnotiz pro Lehrveranstaltung

Thomas: Wenn man zum Beispiel sagt, jede Lehrveranstaltung ist sinngemäß ein Projekt, dann könnte man für jede Lehrveranstaltung eine Strukturnotiz anlegen. In dieser Strukturnotiz steht dann zum Beispiel:

  • Worum geht es in diesem Fach? Was sind die Lernziele?
  • Wer sind die Lehrkräfte, die dort unterrichten?
  • Wann sind die Termine für Lehrveranstaltungen und Übungen? Wann sind die Klausuren und Prüfungstermine?
  • Welche Aufgabenstellungen hat man zu bewältigen?
  • Welche Skripten gibt es? Welche Notizen habe ich dazu angelegt?

Das könnte man dort alles hineinverlinken, teilweise sogar automatisiert über Bases-Abfragen. Das sind alles Dinge, die man ohne Plugins bewerkstelligen kann.

Martina: Hast du Obsidian auch schon mal in der Vorlesung benutzt?

Thomas: In der Vorlesung live zum Herzeigen habe ich es noch nicht gemacht. Aber ich setze es tatsächlich bei den Projekten ein, die ich bearbeite. Ich habe das ganze Buchprojekt mit Obsidian gemanagt und auch das ganze Manuskript für das Buch in Obsidian geschrieben. Auch das Projektmanagement für das Buchprojekt habe ich dort gemacht: Meine ganzen Aufgaben habe ich in einer Projektstruktur verwaltet, dazu die zugehörigen Dateien, von den Vorlagen, die mir der Verlag gegeben hat, über den Vertrag mit dem Verlag bis zu den Kontaktdaten zum Lektorat. Das habe ich alles in dieser Projektstrukturnotiz verwaltet und die eigentlichen Inhalte in einzelnen Markdown-Dateien geschrieben. Und dann gab es eine Strukturnotiz, die sozusagen das Inhaltsverzeichnis dargestellt hat, und dort waren alle hin verlinkt.

Tägliche Notizen als Wochenplanung und Logbuch

Martina: Ist da noch etwas dabei, wo du sagst, das wäre für Studierende wichtig?

Thomas: Es gibt ein Bindeglied zwischen dem Wissensmanagement und dem Projektmanagement, auch auf persönlicher Ebene. Das sind bei mir die sogenannten täglichen Notizen. Das ist eine Standardfunktion von Obsidian, bei der man für jeden Tag eine eigene Notiz anlegt, die man natürlich für verschiedenste Zwecke nutzen kann. Im Buch beschreibe ich, und so nutze ich es auch selber, die tägliche Notiz auf der einen Seite als Planungsinstrument für Termine und Aufgaben, die anstehen. Das ist der eine Teil, die Tagesplanung. Der andere Teil ist eine Art Logbuch, das man dort führt, um für sich selber ein bisschen mitzuschreiben: Wo bin ich bei meiner Projektbearbeitung stecken geblieben? Was habe ich abgeschlossen? Wo ist noch weitere Arbeit erforderlich? Und ich finde auch, dass diese täglichen Notizen im Studienalltag sicher einen Mehrwert haben. Ich kann dort meine Tage planen, meine Lehrveranstaltungstermine eintragen, Seminartermine, Termine für Abschlussarbeiten, und meine Aufgaben entsprechend zeitlich und terminlich zuordnen.

Martina: Wie sieht so eine tägliche Notiz konkret aus? Stehen die Termine da automatisch schon drin?

Thomas: Nein, automatisiert ist da out of the box gar nichts. Und die tägliche Notiz geht nicht von selber auf, die legt man an. Das ist eine Erweiterung, die nicht extern über ein Plugin installiert wird, sondern die Obsidian schon mitbringt, die man aber aktivieren muss. Wenn ich in der linken Seitenleiste auf dieses Icon klicke, das wie ein kleiner Kalender ausschaut, wird die tägliche Notiz geöffnet, meistens mit dem Datum als Dateibezeichnung. Da ist noch gar nichts drin, das ist wie eine leere Markdown-Datei. Alles, was ich dort für die Planung brauche, trage ich selber ein.

Martina: Und du nutzt es tatsächlich so, dass du jeden Tag eine leere Notiz hast, und dann planst du kurz deinen Tag?

Thomas: Ich nutze es so, dass ich die ganze Woche im Voraus plane, sieben Tage im Voraus. Spätestens am Wochenende, meistens Samstag oder Sonntag, lege ich die täglichen Notizen für die nächsten sieben Tage an. Dann trage ich dort die Termine ein, die an den jeweiligen Tagen anstehen, und die Aufgaben, die ich schon habe und dort einplane. So startet die Woche. Und dann nehme ich jeden Tag in der Früh meistens als Erstes die entsprechende tägliche Notiz in Obsidian zur Hand, schaue, was ansteht, ergänze noch etwas und schreibe im Laufe des Tages ein bisschen in mein Logbuch.

Martina: Wenn man einen sehr strukturierten Alltag hat und alles im Kalender hat, mag das vielleicht auch anders funktionieren. Aber ich glaube, das haben wahrscheinlich die wenigsten. Also ich zumindest bin nicht so organisiert, dass alles im Kalender steht.

Thomas: Ich habe mir das angewöhnt. Und ich habe auch alles nur an einem Ort. Mir ist es lieber, wenn ich nicht zwischen verschiedenen Apps hin- und herwechseln muss und mir dadurch kognitive Überlastung erspare, und ich mir sicher sein kann, dass alles drin ist, was ich brauche: alle Termine, alle Aufgaben. Das ist das sichere System. Ich glaube, David Allen hat das in seinem Buch „Getting Things Done“ als einer der Ersten beschrieben: dass man den Kopf frei hat für die eigentliche Arbeit.

Über Thomas Mathoi
Thomas Mathoi unterrichtet Projektmanagement am Institut für Architektur und Bauingenieurwesen der FH Joanneum in Graz. Seit 2009 bloggt er auf mathoi.at, inzwischen vor allem über persönliches Wissens- und Projektmanagement mit Obsidian, das er seit rund vier Jahren nutzt.

📘 Sein Buch „Obsidian – Wissen, Aufgaben und Projekte managen“ ist im Rheinwerk Verlag erschienen und gliedert sich in drei Teile: die Einrichtung von Obsidian, das Wissensmanagement und das persönliche Projektmanagement. Dazu gibt es einen Beispiel-Vault, mit dem du direkt loslegen kannst.

🎧 Das ganze Gespräch hörst du in Folge 05 von „Zwischen Job und Prüfung“.

Martina Klinkowski

Martina Klinkowski ist Lerncoachin, Trainerin und Mentorin für selbstgesteuertes Lernen und persönliches Wissensmanagement. Sie unterstützt Fach- und Führungskräfte sowie ambitionierte Selbstständige dabei, trotz hoher Belastung effizient zu lernen, Wissen sinnvoll zu strukturieren und ihre Lernkompetenz nachhaltig zu stärken. Ihre Arbeit verbindet agiles Lernen, praxisnahe Strategien und einen klaren Blick auf den beruflichen Alltag. Mehr findest du hier.

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