Du sitzt abends vor deinen Unterlagen und fragst dich mal wieder, ob sich das eigentlich noch lohnt. Nützt ja nichts, ich mache weiter. Diesen Satz habe ich mir selbst oft gesagt, und ich höre ihn regelmäßig von Menschen, die neben dem Job studieren.
Er klingt entschlossen, beantwortet die Frage aber nicht. Er vertagt sie. Und eine vertagte Frage läuft im Hintergrund weiter, schürt Zweifel und kostet dich jede Woche Energie, die du eigentlich fürs Lernen brauchst. Deshalb lohnt es sich, den Gedanken einmal zu Ende zu denken. Das Ergebnis muss kein Abbruch sein.
| Das Wichtigste in Kürze 👉 Der Gedanke ans Aufhören gehört zu einem langen Studium dazu und heißt für sich noch nicht, dass du abbrechen solltest. 👉 Solange die Frage offen bleibt, kostet sie dich jede Woche Energie, die du fürs Lernen bräuchtest. 👉 Klär sie in drei Schritten: erst die Rahmenbedingungen, dann Motivation und Volition, dann Kosten und Fristen. 👉 Drei Denkfallen machen die Entscheidung schwerer: versunkene Kosten, schlechtes Gewissen und Entscheiden im Tief. 👉 Vier Fragen spielen beide Varianten durch, für die nächsten zwei Wochen und für die nächsten zwei Jahre. 👉 Am Ende stehen fünf Ergebnisse zur Wahl: bewusst weitermachen, anders weitermachen, pausieren, wechseln, aufhören. |
Fernstudium abbrechen: warum der Gedanke dazugehört
Ein Fernstudium, ein berufsbegleitendes Studium oder eine lange Weiterbildung sind eher ein Marathon als ein Sprint. Oft dauern sie mehrere Jahre, und in so einer Zeit läuft dein Leben weiter. Viele denken irgendwann ans Aufhören, ausgesprochen wird es aber selten. Das gilt auch für die kleineren Varianten: ein Semester pausieren, ein Modul schieben, die Weiterbildung strecken. Solche Fragen bleiben oft monatelang liegen und beantworten sich dann von selbst, weil sich das Modul irgendwann automatisch verschiebt.
Bei mir waren es zwei Jahre, in denen so gut wie nichts passiert ist, ohne dass ich jemals eine Pause beschlossen hätte. Vor rund zwölf Jahren hat es an der FernUni gut angefangen, eine Prüfung pro Semester neben dem Job. Dann kam ein Fach, das ich nicht zu greifen bekommen habe. Ich wollte erst Grundlagen nachholen, habe es geschoben und bin irgendwann komplett rausgefallen. Gleichzeitig lag mein Fokus auf der Karriere. Der Gedanke ans Aufhören kam in dieser Zeit öfter, und ich habe ihn jedes Mal weggeschoben.
Damit du die Frage wirklich klärst, hilft ein Ablauf in drei Schritten: erst nach außen schauen, dann nach innen, und dann die Fakten holen.
Haben sich deine Rahmenbedingungen verändert?
Schau zuerst auf deine Rahmenbedingungen. Hat sich etwas verschoben, seit du angefangen hast? Haben sich deine Prioritäten verändert?
Anlässe dafür gibt es viele: Familie oder Kinder, die Gesundheit, wenn Konzentration gerade für anderes gebraucht wird, ein neuer Job, ein Umzug oder eine berufliche Neuorientierung. Gerade bei einer Neuorientierung lohnt die Frage, ob das Studium überhaupt noch zu deinem Ziel passt. Und bei teureren privaten Anbietern steht manchmal im Raum, ob du es dir noch leisten willst. Wenn sich wirklich etwas geändert hat, dann schau dir an, was das für dein Studium bedeutet.
Motivation, Tagesform oder Volition: woran es gerade hakt
Die Frage, ob du noch willst und kannst, stellt sich auch ohne Veränderung von außen. Dabei helfen dir drei Ebenen.
- Grundmotivation: der Grund, warum du dich damals angemeldet hast. Dieses Warum ist dein Fundament. Wenn es wegbricht, weil das Ziel selbst nicht mehr stimmt, hilft dir auch kein Lernsystem.
- Momentane Stimmung: die schwankt. Mal hast du Lust, mal nicht, mal ist der Tag gut und mal eben nicht. Das heißt noch lange nicht, dass grundsätzlich etwas falsch läuft.
- Volition: die Fähigkeit, auch dann zu handeln, wenn die Stimmung nicht mitspielt. Motivation brauchst du zum Starten, für das Durchhalten über Jahre brauchst du diese Fähigkeit.
Wenn es ein Durchhänger ist, fehlt oft nur eine Sache: ein Plan, der zu deiner realistischen Woche passt, eine Lernstrategie, die besser zu dir passt, oder Austausch mit anderen. Das Gefühl, bei Bedarf Unterstützung zu bekommen, ist ein starker Schutzfaktor gegen den Studienabbruch. Wie dir Volition durch so eine Phase hilft, habe ich in 5 Mythen übers Dranbleiben im Fernstudium ausführlich beschrieben.
Kosten, Fristen und Optionen: die Fakten vor der Entscheidung
Hol dir die Zahlen und Fristen, bevor du entscheidest. Vieles, was sich bedrohlich anfühlt, sieht nach einem Blick in den Vertrag oder einem Anruf bei der Studienberatung anders aus.
- Kosten: Laufen Gebühren weiter? Was zahlst du bei einer Kündigung noch, und was kostet dich der Abschluss, wenn du weitermachst? Bei einem monatlichen Vertrag im dritten Semester gehören auch alle kommenden Semester in die Rechnung.
- Fristen: Ab wann kannst du kündigen? Ein Stichtag kann Druck machen und ihn auch rausnehmen. Wenn du bis dahin noch Zeit hast, musst du heute nichts entscheiden. Dann legst du dir einen Zeitraum zum Nachdenken bewusst vor diesen Tag.
- Optionen beim Anbieter: Urlaubssemester, Mutterschutz, Elternzeit, langsamer studieren. Bei manchen Hochschulen ist Verlängern kein Thema, bei anderen zahlst du dafür spürbar.
- Arbeitgeber: Wenn dein Arbeitgeber mitzahlt, steht in der Vereinbarung oft eine Rückzahlungsklausel für den Abbruch.
- Wechsel: Für eine andere Hochschule oder einen anderen Studiengang brauchst du deine bisherigen Leistungen im Notenspiegel mit den ECTS. Anrechnen lässt sich meist ein Teil, bei nur ungefähr passenden Fächern braucht es Argumente.
Diese Bedingungen setzen den Rahmen. Die Entscheidung darin triffst du selbst.
Drei Denkfallen beim Studienabbruch
Sunk Costs, also versunkene Kosten. „Ich habe schon so viel reingesteckt.“ Das Muster kennt man von der Börse, wo Leute eine gefallene Aktie halten, weil Verkaufen den Verlust real machen würde. Dabei ist der Verlust längst da, und die bessere Frage schaut nach vorn: Würde ich heute zu diesem Preis wieder einsteigen? Beim Studium bekommst du Zeit und Geld, die drin sind, so oder so nicht zurück. Auf die Waage gehört nur, was noch kommt. Kurz vor der Masterarbeit sind das vielleicht eine Abschlussgebühr und ein paar Wochen Arbeit, im zweiten Semester womöglich viele Semester mit Gebühren und Lernzeit.
Schlechtes Gewissen. Gegenüber der Familie, die jahrelang zurückgesteckt hat. Gegenüber dem Arbeitgeber, der gezahlt hat und etwas erwartet. Und gegenüber dir selbst, weil du es dir beweisen wolltest. Das zieht in beide Richtungen, beim Aufhören genauso wie beim Weitermachen. Frag dich deshalb, wessen Maßstab du da gerade anlegst.
Entscheiden im Tief. Direkt nach einer verpatzten Prüfung oder einer chaotischen Woche ist ein schlechter Zeitpunkt. Leg dir lieber einen Zeitraum zum Nachdenken fest, dann darf das Thema erst mal ruhen. Als Gegenprobe hilft die Erinnerung an einen guten Moment, etwa eine bestandene Prüfung: Wie hättest du die Frage damals beantwortet?
Vier Fragen, bevor du dein Fernstudium abbrichst
Spiel beide Möglichkeiten durch, und zwar über den heutigen Moment hinaus.
- Wenn du aufhörst: Was ist in zwei Wochen anders? Bist du erleichtert und froh über die freie Zeit? Oder bleibt ein schlechtes Gewissen, schämst du dich vielleicht sogar?
- Wenn du aufhörst: Was ist in zwei Jahren anders? Ist es dann noch ein Thema für dich, oder fast vergessen? Hat es berufliche Folgen, positive, negative oder gar keine?
- Wenn du weitermachst: Was ist in zwei Wochen anders? Vielleicht Erleichterung, weil überhaupt eine Entscheidung gefallen ist. Vielleicht aber auch Stress oder Streit in der Familie, weil die Zeit fehlt.
- Wenn du weitermachst: Was ist in zwei Jahren anders? Bist du dann fertig und froh darüber? Oder immer noch dabei, mit schlechtem Gewissen an jedem Wochenende ohne Lernen?
Lass dabei alles zu, was in deinem Leben vorkommt: Zeit, Familie, Arbeit, Geld und auch dein Bild von dir selbst. Achte beim Antworten darauf, wie du dich fühlst. Ist es Erleichterung, oder fühlst du dich ertappt? Und hak bei jeder Antwort einmal nach: Ist das wirklich so? Wenn man mitten im Gedankenkarussell steckt, wirken die Dinge oft schlimmer, als sie sind.
Pausieren, strecken, wechseln: mehr als zwei Ergebnisse
Am Ende dieser Fragen kannst du bewusst weitermachen, anders weitermachen, pausieren, wechseln oder aufhören. Keine dieser Möglichkeiten ist schlechter als die anderen. Wichtig ist, dass sie zu dir passt. Bei mir ist am Ende ein Wechsel daraus geworden, und ich konnte einen größeren Teil meiner Leistungen anrechnen.
Egal wie deine Antwort ausfällt: Einmal geklärt, und du trägst die Frage nicht mehr jede Woche mit dir herum. Nimm dir die vier Fragen gern mit, wenn der Gedanke das nächste Mal kommt.
Und wenn du beim Beantworten allein festhängst, dann lass uns sprechen.
Wo klemmt es bei dir gerade?
Wenn du dich in mehreren Punkten wiedererkannt hast: In fünf Minuten findest du heraus, wo deine eigentliche Lernbaustelle liegt – und was der sinnvollste nächste Schritt ist.