Als Alexandra zu ihrer Blogparade eingeladen hat, den eigenen Projektfriedhof zu zeigen, war mein erster Gedanke: oh je. So viele Sachen, die ich mal angefangen und dann liegen gelassen habe. Muss ich das jetzt wirklich alles vor mir ausbreiten?
Dann habe ich angefangen zu sammeln. Und je länger ich überlegt habe, desto mehr hat sich mein Blick gedreht. Aus dem mulmigen Gefühl wurde ein leises Schmunzeln, hier und da ein „ach ja, das war schön“, und bei ein paar Sachen sogar Lust, sie wieder hervorzuholen.
Eine kleine Führung durch meine angefangenen Projekte
Fangen wir mit dem Prachtstück an. In meinem Wohnzimmer stand jahrelang ein Keyboard, hinten in der Ecke zwischen Highboard und Wand, gleich neben dem Esstisch. Ich hatte es mir gewünscht, früher hatte ich mal Unterricht, und ich hatte diese schöne Vorstellung: Wenn die Kinder da sind, spielen wir zusammen. Gespielt hat darauf selten jemand. Stattdessen wurde es zur Ablage. Erst kamen ein paar Bücher dazu, dann Bastelsachen, irgendwann ein kleiner Turm aus allem Möglichen.
Der Höhepunkt kam kurz vor einem Kindergeburtstag. Wir haben den Tisch gedeckt, einer von uns ist an das Keyboard gestoßen, und der ganze Turm ist heruntergekommen. Puzzleteile, Wackelaugen, Aufkleber, das komplette Kleinteile-Sortiment fürs Basteln, alles auf dem Boden. Die ersten Geburtstagsgäste waren schon im Anflug, zum Aufsammeln blieb keine Zeit, also haben wir das Meiste kurzerhand in die Ecke gekehrt und es dabei belassen.
Vor ein paar Wochen habe ich das Keyboard dann endlich auf den Dachboden geräumt und zwei Schränke für die Bastelsachen der Kinder gekauft. Am besten hat es ehrlich gesagt als Ablage funktioniert.
Und dann gibt es die kleineren Bewohner, die still vor sich hin liegen:
- Meine Lieblings-Winterhose mit einem kleinen Riss. Eine andere Hose habe ich zwar schon genäht, aber die Lieblingshose wartet bis heute.
- Ein Eimer Spachtelmasse, extra gekauft, um die Löcher in den Wänden zu füllen, wo mal Bilder und ein Regal hingen. Die Masse steht. Die Löcher sind auch noch da.
- Unser Hof, den wir aufgegraben haben. Die Pflastersteine sind bis jetzt noch nicht wieder draufgekommen. Darunter liegt Sand, die Kinder finden das großartig, und der halbe Sand verteilt sich inzwischen im Treppenhaus.
- Ein Segelschein und ein Motorbootführerschein, beide ordentlich gemacht. Gesegelt bin ich danach nie wieder.
Ich könnte die Liste noch eine Weile fortsetzen. Sprachen zum Beispiel: Französisch aus der Schule, einmal halbherzig aufgefrischt und dann wieder eingeschlafen. Russisch, von dem ein paar Buchstaben hängen geblieben sind. Oder Java, über „Hallo Welt“ bin ich da nie richtig hinausgekommen.
Beim Durchgehen kam die Freude zurück
Beim Sammeln ist etwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ich bin an Dingen hängen geblieben, die mir richtig Freude gemacht haben.
Am deutlichsten beim Zeichnen. Angefangen hatte ich damit schon früher, für Flipcharts und kleine Zeichnungen in meinen Trainings. Richtig intensiv wurde es dann in der Elternzeit, die bei mir mit der Corona-Zeit zusammenfiel. Ich habe mir einen Stift für mein iPad gekauft, das ich vorher kaum angerührt hatte, hatte auf einmal mehrere Zeichen-Apps auf dem Tablet und habe richtig coole Sachen gemacht. Ich habe eigene Karten gestaltet und sogar Motive für T-Shirts entworfen. Das ist mit der Zeit eingeschlafen, und beim Schreiben dieser Zeilen merke ich: schade eigentlich. Das hat Spaß gemacht. Vielleicht setze ich mich bald wieder ans Tablet.
Bei einem anderen Projekt bin ich sogar schon mittendrin, es wieder aufzuwecken. Ende letzten Jahres wollte ich einen Podcast starten. Ich habe mich in die Technik eingearbeitet, ein Konzept aufgestellt, das Equipment besorgt, und dann ist alles liegen geblieben. Zwischendurch habe ich überlegt, ob YouTube nicht doch besser wäre. Vor Kurzem ist der Podcast bei mir wieder nach oben gerutscht, und nach dem Urlaub gehe ich ihn an. Manchmal braucht so ein Projekt einfach eine Pause, bevor es wieder dran ist.
Warum liegengelassen nicht gescheitert heißt
Als Lerncoachin rede ich viel übers Dranbleiben. Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist mir dieser Gedanke wichtig: Ein Projekt liegen zu lassen, macht es nicht zu einem Versagen.
Manche Dinge haben ihre Zeit. Das Segeln gehörte in einen bestimmten Lebensabschnitt. Die intensive Zeichenphase in die Elternzeit. Beides war gut, solange es da war. Dass ich heute anderes mache, ändert daran nichts. Wenn etwas Freude gemacht hat, kann ich es später wieder hervorholen, so wie vielleicht bald das Zeichnen. Und manchmal rutscht ein Projekt einfach wieder nach oben, weil gerade seine Zeit gekommen ist, so wie bei mir der Podcast. Was liegen bleibt, darf liegen bleiben. Beim Durchschauen habe ich vor allem gemerkt, wie schön es ist, sich an all das zu erinnern.
Und beim Lernen? Anknüpfungspunkte statt verlorener Zeit
Fürs Lernen gilt das noch einmal besonders. Auch wenn ich bei einem Thema nicht lange dabei geblieben bin, ist das Gelernte nicht weg. Es liegt irgendwo in meinem Kopf und wird zum Anknüpfungspunkt für das Nächste.
Ein Beispiel: In meinem früheren Job habe ich viel mit Testautomatisierung gearbeitet. Die Logik dahinter, wie man so etwas aufbaut und strukturiert, steckt bis heute in mir. Wenn ich heute irgendwo auf ein ähnliches Muster stoße, habe ich sofort einen Haken, an dem ich es aufhängen kann. Und das Spanisch, das ich vor Jahren gelernt und dann lange nicht angeschaut habe, hat mir den Wiedereinstieg vor ein paar Monaten spürbar leichter gemacht.
So funktioniert Lernen wirklich: Je mehr ich schon weiß, desto leichter kommt Neues dazu, weil es an etwas andocken kann. Deshalb muss ich in keinem dieser Themen eine Expertin werden. Ein bisschen Grundwissen an vielen Stellen ist schon Gold wert, weil es mir überall kleine Türen öffnet. Und wo zu einem Thema noch wenig da ist, lässt sich ein Anknüpfungspunkt auch selbst bauen, über ein Bild, eine Erinnerung oder ein Gefühl.
Was das alles über mich erzählt
Am Ende ist das alles viel weniger düster, als das Wort Projektfriedhof vermuten lässt. Was da liegt, erzählt vor allem von einer neugierigen Person, die vieles ausprobiert hat. Manches bleibt liegen, und das ist völlig in Ordnung. Ein paar Sachen wecke ich wieder auf. Und an vielem erinnere ich mich einfach gern.
Falls du magst, schau doch auch mal bei dir hin. Weniger mit dem strengen Blick auf das Liegengebliebene, mehr mit Neugier darauf, was da alles war. Vielleicht ist etwas dabei, das du vermisst.
Und die Lieblings-Winterhose? Die flicke ich, wenn es wieder kalt wird. Vermutlich.
Hol dir Impulse rund um berufsbegleitendes Lernen in dein Postfach!
Liebe Martina,
Ich finde deine Einstellung zu den unfertigen Projekten sehr gesund. Und erst kürzlich habe ich gelesen, wie gut es für das Gehirn ist sich mit unterschiedlichen Themen zu befassen und sie auch zu lernen. Am meisten freut mich natürlich auch, dass du wie so viele Teilnehmerinnen bock hast wieder das, ein oder andere Projekt zu starten.
Herzliche Grüße Alexandra