Du hast dich hingesetzt, die Unterlagen liegen da, die Zeit hast du dir freigeräumt. Und im Kopf läuft trotzdem etwas ganz anderes: das Gespräch von gestern, die Rechnung, die noch rausmuss, ein flaues Gefühl im Magen vor der Prüfung oder eine blöde E-Mail mit einem Kommentar, der dich seit Mittag nicht loslässt. Du liest denselben Absatz zum dritten Mal und merkst, dass nichts davon hängen bleibt. Der übliche Reflex heißt „Jetzt konzentrier dich halt“, und der funktioniert an dieser Stelle einfach nicht. Warum das so ist und was stattdessen geht, schauen wir uns hier an.
| Das Wichtigste in Kürze 👉 Gedanken wegzudrücken kostet Aufmerksamkeit, weil dein Kopf ständig mitprüft. 👉 Der erste Schritt ist hinschauen und benennen. 👉 Danach hast du drei Möglichkeiten: aufschreiben, vertagen oder anerkennen. 👉 Du musst den Gedanken nicht loswerden, um anfangen zu können. |
Warum „Jetzt konzentrier dich halt“ nicht funktioniert
Das Bild vom rosa Elefanten kennst du wahrscheinlich. Denk jetzt bloß nicht an einen rosa Elefanten, und schon ist er da. Der Grund dafür ist einfach: Um an etwas nicht zu denken, muss ein Teil von dir ständig prüfen, ob du gerade daran denkst.1 Dieses Prüfen läuft die ganze Zeit mit und kostet dich genau die Aufmerksamkeit, die du eigentlich für den Stoff bräuchtest.
Deine Kraft geht also weniger in den Gedanken selbst und mehr in den Kampf dagegen. Und wenn Wegdrücken nicht funktioniert, schauen wir eben einmal hin.
Erst hinschauen, dann weiterlernen
Der erste Schritt ist immer derselbe. Du nimmst wahr, was dich gerade beschäftigt, und benennst es so konkret wie möglich. Aus „irgendwas stresst mich“ wird dann vielleicht „ich habe Angst, dass ich Kapitel vier nicht schaffe“. Aus „was hat der Kollege da schon wieder Blödes in die Mail geschrieben“ wird vielleicht „ich bin unsicher, was er von meiner Idee hält“. Allein das nimmt schon Druck raus, weil aus dem Kreisen etwas wird, das du aufschreiben und greifen kannst.
Meistens zeigt sich dabei eins von zwei Dingen:
- Etwas ist offen. Es gibt etwas zu tun, einen Rückruf, eine Rechnung, einen Termin, den du noch vereinbaren musst.
- Etwas ist ungewiss. Es gibt gerade nichts zu tun, und trotzdem geht es dir im Kopf herum. Was, wenn ich durchfalle? Oder der Termin morgen, an dessen Ausgang du heute nichts ändern kannst.
Du musst hier noch nichts sortieren und noch nichts lösen. Beobachte einfach, was da ist, und benenne es. Was du damit machst, entscheidest du gleich.
Drei Wege, mit kreisenden Gedanken umzugehen
Was davon wirkt, ist unterschiedlich, je nach Mensch und je nach Thema. Probier einfach aus, was bei dir etwas verändert.
Aufschreiben
Aufschreiben ist der Klassiker, und es funktioniert bei beidem. Wenn etwas offen ist, schreib gleich den nächsten Schritt mit dazu. Also lieber „Rechnung Müller, morgen nach dem Mittagessen, Küchentisch, 20 Minuten“ als nur „Rechnung Müller“. Je konkreter das ist, desto beruhigter ist der Kopf, fast so, als wäre die Sache schon erledigt. Dazu kommt, dass du das Gefühl loswirst, du könntest es vergessen.
Wenn es eine Sorge ist, kannst du sie mit dem Aufschreiben ebenfalls packen. Stell dir einen Timer auf drei Minuten und schreib runter, was dir durch den Kopf geht, mit allem Warum und Wieso und Weshalb. Dann Stift weg und weiter. Das hilft, weil dein Kopf alles festhalten muss, solange es nur in ihm existiert. Sobald es auf dem Papier steht, muss er das nicht mehr. Dieses Auslagern nennt sich Cognitive Offloading. Nebenbei hilft so eine To-do-Liste auch beim Einschlafen, und zwar je konkreter, desto besser.2
Am einfachsten wird das, wenn Zettel und Stift oder dein Notiztool direkt am Lernplatz liegen. Alles, was während des Lernens aufploppt, kommt darauf.
Sorgenzeit
Manche Gedanken lassen sich nicht wegschreiben und kommen immer wieder. Bei denen kannst du ausprobieren, ob du sie terminieren kannst.3 Abstellen lassen sie sich nicht, aber du kannst ihnen einen eigenen Rahmen geben. Such dir eine feste Zeit und einen festen Ort, 10 bis 15 Minuten reichen, und halte beides möglichst immer gleich. Direkt vor dem Schlafengehen ist allerdings keine gute Idee, sonst grübelst du nachts weiter.
Taucht die Sorge tagsüber auf, notierst du sie kurz und schickst sie damit in die Sorgenzeit. Danach gehst du zurück zu deiner Aufgabe. In der Sorgenzeit sorgst du dich dann auch wirklich und gehst, wo es geht, in die Problemlösung.
Oft passiert dabei etwas ganz Praktisches: Bis zur Sorgenzeit sind viele Themen schon kleiner geworden. Gerade bei alltäglichem Ärger verraucht der bis dahin oft von allein. Fast noch wichtiger finde ich die zweite Erfahrung, die dabei entsteht. Du merkst, dass deine Gedanken doch steuerbar sind. Das wirkt nicht dramatisch, und es kostet dich außer den 15 Minuten nichts.
Wahrnehmen, akzeptieren, handeln
Wenn die ersten beiden Wege nicht greifen oder du gar nicht sagen kannst, was dich eigentlich beschäftigt, lohnt ein Blick in die Sportpsychologie. MAC steht für Mindfulness, Acceptance und Commitment.4 Ich finde, das passt ganz gut hierher, weil auch Sportlerinnen unter Druck bei der Sache bleiben müssen, obwohl im Kopf einiges los ist.
Die drei Schritte sind:
- Wahrnehmen. Du bemerkst den Gedanken und benennst ihn, ohne ihn zu bewerten. Also zum Beispiel: „Ich bemerke gerade den Gedanken, dass mir diese E-Mail keine Ruhe lässt.“
- Akzeptieren. Du lässt ihn da sein, ohne ihn wegzuschieben, ohne mit ihm zu diskutieren und ohne sofort nach einer Lösung zu suchen.
- Handeln. Du bringst deine Aufmerksamkeit zurück zu dem, was du tust, und zwar mit einer Handlung, die du vorher festgelegt hast.
Am dritten Schritt hängt es meistens. „Dann konzentrier ich mich wieder“ ist zu vage. „Ich lese den nächsten Absatz laut vor“ oder „ich schreibe die Überschrift ab“ gibt dir etwas, das du sofort tun kannst. Sonst bist du beim dritten Gedanken wieder im Kreisen.
Es geht bei MAC also darum, dass du trotz der Gedanken weitermachst. Der Gedanke darf bleiben, und du fängst trotzdem an.
Die Gedankengarderobe für unterwegs
Manchmal ist Aufschreiben zu umständlich, oder du bist unterwegs und hast gerade nichts zum Notieren dabei. Dann hilft dir vielleicht ein Bild: die Gedankengarderobe.
Stell dir einen Raum vor, in dem du gut etwas ablegen kannst, und male ihn dir richtig aus. Wie sieht der Raum aus? Welcher Haken ist es und wie sieht der aus? Gibt es Fächer, sind da andere Menschen? Je genauer das Bild wird, desto besser funktioniert es. Dann gibst du dein Thema dort ab, und zwar so, dass du genau weißt, wo es hängt. Weg ist es damit nicht, du holst es später wieder ab.
Manche machen daraus ein kleines Ritual, schreiben das Thema auf einen Zettel, knüllen ihn zusammen und legen ihn in eine Schublade. Das klingt banal und wirkt trotzdem, weil du damit einen Übergang schaffst zwischen dem, was dich beschäftigt, und dem, was du jetzt tun willst.
Was du dir mitnehmen kannst
Wenn beim Lernen die Gedanken kreisen, läuft es immer über dieselbe kurze Abfolge: einmal hinschauen, benennen und dann aufschreiben, vertagen oder anerkennen. Welcher der drei Wege für dich passt, hängt von dir ab, von deinem Thema und manchmal auch einfach von der Situation. Such dir für die nächste Lerneinheit einen aus und schau, was sich verändert. Und das Wichtigste zum Schluss: Du musst den Gedanken nicht loswerden, um anfangen zu können.
Hinweis: Die drei Wege hier beziehen sich auf Gedanken, die zwischendurch auftauchen und wieder verschwinden. Wenn dich ein Thema über längere Zeit begleitet und keiner dieser Wege daran etwas ändert, geht es um mehr als Konzentration. Dann ist es sinnvoll, dir dafür Unterstützung zu suchen.
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- Wegner, D. M. (1994). Ironic processes of mental control. Psychological Review, 101(1), 34–52. ↩︎
- Scullin, M. K., Krueger, M. L., Ballard, H. K., Pruett, N., & Bliwise, D. L. (2018). The effects of bedtime writing on difficulty falling asleep. Journal of Experimental Psychology: General, 147(1), 139–146. ↩︎
- Borkovec, T. D., Wilkinson, L., Folensbee, R., & Lerman, C. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247–251. Übersicht zur Wirksamkeit: Dippel, A., Brosschot, J. F., & Verkuil, B. (2024). Effects of worry postponement on daily worry: A meta-analysis. International Journal of Cognitive Therapy, 17(1), 160–178. ↩︎
- Gardner, F. L., & Moore, Z. E. (2007). The Psychology of Enhancing Human Performance: The Mindfulness-Acceptance-Commitment (MAC) Approach. New York: Springer. ↩︎